Das neue Bild der Angela Merkel

Mit jeder Krise wandelt sich der Blick auf sie, aber so hat noch niemand die Altkanzlerin gesehen: Heimlich hat sie ein Porträt von sich malen lassen. Die ZEIT war dabei.
Hanno Rauterberg , Die Zeit, June 24, 2026

Er könnte doch. Und müsste. Und sollte unbedingt. Wirklich, sie ließ nicht locker, die Frau aus Braunschweig. Hatte ihm einige Werke abgekauft, jetzt drängte sie ihn, sich zu bewerben. In Berlin, an oberster Stelle! Um das Bild zu malen, auf das viele schon lange warten, das offizielle Staatsporträt der einst mächtigsten Frau der Welt, Angela Merkel 

 

»Von mir aus wäre ich nie auf die Idee gekommen«, sagt Jérémie Queyras, als wir uns in seinem Atelier begegnen. Warum auch hätte sie ihn auswählen

sollen, ausgerechnet ihn? »Ich bin ja kein Maler, den alle Welt kennt.«

 

Gerade mal 24 war er damals, 2022. Hatte sich nach dem Abitur in Freiburg gleich auf den Weg gemacht, nach London, er wollte unbedingt Künstler werden und schrieb sich ein bei einer halbprivaten Akademie. Später zog er weiter nach Paris, um sein Studium noch zu vertiefen. Ein junger Maler unter vielen jungen Malern, die nicht recht wissen, wohin mit sich. »Oft war da diese kleine Stimme im Kopf«, erzählt er heute. »Wen soll das interessieren, was du hier machst, fragt die Stimme.«Und wäre da nicht auch die andere, die beharrliche Stimme aus Braunschweig gewesen, Queyras hätte sich gewiss nicht hingesetzt und einen handschriftlichen Brief verfasst. »Ich bin ein junger Deutsch-Französischer Künstler. Obwohl meine Kunst hauptsächlich abstrakt ist, kehre ich des öfteren zur klassischen Malerei zurück. Sie ahnen nun bestimmt schon weshalb ich Ihnen schreibe.« Rasch steckte er noch Farbkopien seiner Werke in den Umschlag. Wird schon nichts draus werden, dachte er. Und richtig, es wurde nichts. Nichts über Jahre.

 

Denn Angela Merkel ließ sich Zeit. Wollte sich nicht hetzen lassen, warum auch. Erst die Biografie schreiben, so hatte sie’s geplant. Dann alles andere. Und auch das bitte ohne jede Eile. Manche Kanzler hatten die Porträtfrage rasch abgehakt, ihr aber ging es nicht allein um das Gemälde. Es ging ihr auch um den Weg dorthin. Um ein geistiges Abenteuer.

 

Jérémie Queyras hatte die Sache jedenfalls abgeschrieben, offenbar war der Auftrag an jemand anderen gegangen. Er saß in seinem Atelier in Paris, tief im Keller einer alten Fleischfabrik, es stank, es war dunkel, er beschäftigte sich jetzt viel mit der Frage, was von der Kunst wohl bleibt, wenn die KI übernimmt. Und nichts war ihm ferner als die Ahnengalerie im Kanzleramt, wo sie alle versammelt sind, von Konrad Adenauer bis Gerhard Schröder, sieben von Männern gemalte Männer, und keine Bundeskanzlerin.

 

In Deutschland aber: Rätselraten. Immer wieder bohrten Journalisten nach, wann es wohl so weit sein werde und ob nach all den Männermalern erstmals eine Frau den Auftrag bekomme, aus dem Osten womöglich, Cornelia Schleime, Annette Schröter, oder doch, wer weiß, der berühmte Neo Rauch. Merkel aber blieb sich treu, also unbestimmt. Man werde schon sehen, ließ sie wissen. Nichts sollte nach draußen dringen.

 

Bundeskanzlerin a.D. Angela Merkel

Die Sehnsucht nach dem Merkel-Gefühl

Von Marlene Knobloch

 

Als die Nachricht schließlich kam aus Berlin, im April 2025, ob er nicht vorbeischauen wolle im Büro der BKin a. D., – Angela Merkel würde ihn gerne kennenlernen –, war Jérémie Queyras einigermaßen überrumpelt. Gerade hatte er darüber nachgedacht, vielleicht nach England zu gehen und ein Porträtmaler zu werden, wie es sie dort viele gibt, weil es üblicher ist als in Deutschland, die eigene Bedeutung für die Nachwelt festzuhalten. Nun aber das: ein Besuch bei der Altbundeskanzlerin – und nebenbei eine Erinnerungsreise. »Sie war ja immer da«, sagt Queyras. »Seit ich acht war, über meine ganze Kindheit und Jugend hinweg, immer waren es Merkel-Jahre.«

 

Heute ist er 28, eine jungenhafte Erscheinung, der Kopf rund, die Augen groß und wasserblau. Wie viele andere seiner Generation schaut er nicht ohne Wehmut zurück auf jene Jahre, als vieles ruhiger und geordneter schien. Es war die Zeit vor den Kriegen in der Ukraine, in Gaza, im Iran, vor einem oft unbeherrschten Merz, auch vor Trumps zweiter Präsidentschaft und ihrem Dauerirrsinn. Vermisst wird ihre Gelassenheit, ihre Übersicht, manchmal auch die verschmitzte Art, mit der sie politische Tumulte zu nehmen verstand. Und auch ihre Zuversicht fehlt – »Wir schaffen das!«. Ob bei TikTok, auf YouTube oder Instagram, es wachse das »Heimweh nach Mutti-Land«, schrieb kürzlich die Süddeutsche Zeitung. Als stehe Merkel kurz vor ihrem Comeback. Und in gewisser Weise ist es ja wirklich so, sie kehrt zurück. In Öl und auf Leinwand. Kurzerhand war Jérémie Queyras dann im Juni des vorigen Jahres nach Berlin gereist. Er wusste nicht, ob es viele Mitbewerber gab (es gab nur einen in der engeren Wahl) und ob er, der Jungkünstler, überhaupt eine Chance haben würde. »Ich war furchtbar nervös«, erinnert er sich. Er hatte einen Anzug angezogen, mit Krawatte. »Aber ich hatte keine schönen Schuhe, nur so abgelaufene Sneaker.« Dann aber ging die Tür auf, Angela Merkel kam ihm entgegen, alle Beklommenheit war wie verflogen. »Sie ist es ja gewohnt, mit Leuten umzugehen, die aufgeregt sind.« Auf Anhieb mochten sich die beiden.

 

»Ein lebensoffener Mensch«, so beschreibt Merkel ihn, als wir miteinander sprechen. »Ich hatte gleich einen guten Eindruck.« Nie hatte es eine offizielle Ausschreibung für das Porträt gegeben, doch aufs Geratewohl bewarben sich etliche Künstlerinnen und Künstler, manche schickten Zeichnungen, andere Probebilder in Öl, sogar ein Mosaik war eingetroffen. »Wir können das gar nicht alles lagern«, sagt sie halb amüsiert, halb ratlos bei dem Treffen in  ihrem Amtszimmer Unter den Linden. Am Ende besprach sie sich mit einigen Vertrauten – und entschied sich für den jungen Queyras, ohne je ein Original von ihm gesehen zu haben. Ein einziges Bewerbungsgespräch, mehr hatte es nicht gebraucht. Ihr gefiel der Gedanke, nicht den Erwartungen zu gehorchen, keinen bekannten Namen zu engagieren. Ein Wagnis eingehen, warum denn nicht? Mit einem Maler, der am Anfang steht. Von dem auch sie nicht wusste, ob ihm ein eindrückliches Staatsporträt gelingen würde, eines, in dem sie sich selbst erkennt und das all den Millionen Merkel-Fotos, Merkel-Zeichnungen,

Merkel-Karikaturen ihr eigenes, selbst erwähltes Bild entgegensetzt.

 

»Wissen Sie«, sagt Merkel jetzt und scheint mit sich ganz zufrieden, »man bewegt sich ja sonst nur unter Honoratioren. Da ist so ein frischer Blick sehr erfreulich.« Die beiden, sie und er, sprachen darüber, was ein Porträt eigentlich sein kann. Ob und wie die Malerei einem Foto überlegen ist. Und er räumte gleich ein, dass er nicht wisse, ob er wirklich der Richtige sei. Doch er wolle es unbedingt versuchen, wenn nicht fürs Kanzleramt, dann einfach so, privat gewissermaßen. 

 

Sie war ganz angetan von seiner Offenheit und auch davon, wie weit er herumgekommen war, geboren bei Paris, aufgewachsen in einer Freiburger Musikerfamilie, halb Deutscher, halb Franzose, dazu ein kanadischer Großvater. Cello hatte er gespielt wie der Vater. Wollte dann aber lieber Maler werden, hatte als Kind schon einen Kreativ- und Bastelklub besucht, Saustall hieß der. Kopierte das Rhinocerus, den eindrücklichen Holzschnitt von Albrecht Dürer, formte Giacometti-Figuren nach, war auch sonst ein unerschrockenes Kind. Und saß nun ihr, der Altkanzlerin, gegenüber und stellte unerschrocken eine Forderung. Gerne würde er sie malen, sagte Queyras, »aber ich muss Sie dafür besser kennenlernen«.

 

Es gab dann noch Bedenkzeit, er solle sich das gründlich überlegen, riet ihm Angela Merkel. Sein Leben nach dem Bild würde ein anderes Leben sein, herausgezerrt aus dem Schatten der Ateliers und kleinen Galerien, hinein in die denkbar größte Medienöffentlichkeit. Würde er das aushalten? Die Missgunst der anderen Maler, die den Auftrag auch gern gehabt hätten. Die Anfeindungen von links: weil er sich anbiedere bei der Macht. Und den Hass der Rechten, die Merkel als Agentin des Untergangs betrachten und deshalb auch ihren Maler mit Argwohn verfolgen würden. 

 

Um sich einen besseren Eindruck zu verschaffen von dem, was da auf ihn zukommen würde, besuchte er schließlich auch das Kanzleramt, heimlich eingeschleust. Dort stand er vor den Bildnissen gewesener Regierungschefs, erschreckend lieblos präsentiert, unbeleuchtet auf einer kargen Wand. Vieles, was er dort sah, kam ihm malerisch enttäuschend vor. Nicht Helmut Schmidt, der sich von Bernhard Heisig gewohnt kantig hatte porträtieren lassen, mit Zigarette und rotem Einstecktüchlein. Auch nicht Gerhard Schröder, dieser allen Üblichkeiten spottende Goldkopf von Jörg Immendorff. Wie flau jedoch war Helmut Kohl, wie fahrig Willy Brandt geraten. Eine Galerie voller Mittelmaß.

 

Aber wer weiß, dachte Queyras, vielleicht wird man das auch mir später vorwerfen, meinem Porträt – dass es nicht trifft, was es treffen soll. »Ich sah schon in dicken Lettern die Schlagzeile: Das schlimmste Porträt im Kanzleramt«. Sein Bild, eine kollektive Peinlichkeit. 

 

Den Sommer hatte er grübelnd verbracht, zu striktem Stillschweigen verpflichtet. Ging über Wochen in sich. Doch frohgemut daraus hervor. Ja, sie würden es versuchen, gemeinsam. Und als Allererstes verreisen, nach Templin, in ihre Heimat. Er sollte mit eigenen Augen sehen, welcher Landschaft sie entstammt, welche Bauten sie mag, welche Ästhetik sie geprägt hat. Sie liefen, erzählt Queyras, die historische Stadtmauer entlang, schauten sich die Goetheschule an, auf die Merkel bis zur achten Klasse gegangen ist, besuchten ein Café, in dem auch sie noch nie gewesen war, die Kellnerin guckte verdutzt. Und gemeinsam standen sie, von keinem Bodyguard bewacht, ganz still zusammen in einer unscheinbaren Kapelle, errichtet vor gut 300 Jahren für Christen, die in Frankreich verfolgt und hierher, in die Uckermark, geflohen waren.